Fünf Fragen an…

Fünf Fragen an...
Interview mit Beate Scheder

Woran arbeitest du aktuell?

Gerade arbeite ich an mobilen Skulpturen aus Alu. Es handelt sich um eine Art von Gerüst, ein Zwischending zwischen Inneneinrichtung und Außengerüst, zwischen Innenraum und Außenraum

Was interessiert dich in deinen aktuellen Arbeiten?

In meiner Kunst geht es immer um ein Ausloten der vermeintlichen Dichotomien des Innen und des Außen. Ich komme aus der Fotografie. Da war die Kamera für mich immer eine Prothese des Auges, ein Apparat, mit dem sich Innen und Außen verbindet, genau wie Körper und Raum. In meinen Arbeiten beschäftige ich mich mit dem Körper als Display, an dem ich auch gesellschaftliche Themen darstellen und ablesen kann. In einer Arbeit habe ich mich zum Beispiel mit Lady Hamilton beschäftigt. Im Zusammenhang mit dem Begriff Attitüde ging es darum, wie Lady Hamilton die Darstellungen griechischer Mythologien auf Kupferstichen und Gemälden nachgestellt hat.

Wie kommst du auf solche Ideen?

Das geschieht bei mir oft über Bildanalogien. Ich habe ein Bild im Kopf, stelle eine Verknüpfung her und gehe dem nach. Neulich bin ich die Karl-Marx-Straße entlanggelaufen, eine Straße voller Objekte. Da ist mir ein Kleid an einer Schaufensterpuppe aufgefallen, direkt vor einer Baustelle. Ich habe das im Closeup aufgenommen. Der Materialkontrast war für mich ein Inspirationsmoment, weil ich gemerkt habe, dass dieses Bild viele Dinge beinhaltet, die in meiner Arbeit schon vorher eingeflossen sind.

Wenn du die Arbeit anderer Künstlerinnen betrachtest, was beeindruckt dich?

Die Frage, die ich mir immer wieder stelle, ist: Wie kann man als Künstlerin in einem Kunstbetrieb bestehen, der durch Trend geprägt ist? Mich beeindrucken Künstlerinnen und Künstler, die ihre Kunst über eine lange Zeit hin weiterentwickeln und so auf Dauer bestehen können.

Warum hast du dich bei Goldrausch beworben?

Weil ich für mich zum Kunstbetrieb Fragen beantworten wollte, die im Studium nicht wirklich Thema waren und auch um über mein eigenes Netzwerk hinaus in Kontakt mit anderen Künstlerinnen zu kommen.

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Ein Haus ohne Besucher

Ein Haus ohne Besucher

Ich bin hier, um die Kontrolle über mein eigenes Bild an jemanden abzugeben, den ich eben erst kennengelernt habe. Ich komme zu ihm. In seine Räume.
Wir geben uns die Hand, stellen uns vor. Ich werde zu einem Stuhl geführt, auf den ich mich setze. Rotes Leder, leicht abgewetzt. Ich lasse mir eventuelles Unbehagen nicht anmerken und nehme eine entspannte Position ein. Ich ziehe meine Jacke aus, bekomme ein Kleidungsstück zugewiesen und soll ab jetzt am besten stillhalten.
Ich bin beim Friseur, genauer gesagt bei „Vokuhila“ in der Kastanienallee.
Die Einrichtung ist aus den 80er-Jahren. Eine Sonderanfertigung für den Laden, und mit einigen Details ausgestattet. Jeder Frisierplatz hat seinen eigenen Getränkehalter, überall lassen sich Schubladen herausziehen. Die Theke ist bestückt mit antiquiertem Frisierbesteck. An den Wänden über den Spiegeln hängen Fotografien von Heidi Specker.
Die Bilder zeigen Details von ausschweifendem Interieur: Schwerer Samt, mit Leopardenfell bespannte Wände und exzentrische Objekte wie Pferdeskulpturen und Schmetterlingskästen. Sie zeugen von einer spezifischen Identität.
Sie scheinen auf etwas zu verweisen, das sich nicht mehr vor Ort befindet. Unmittelbare Fragen nach dem Wer und dem Warum. Der abgebildete Raum ist eindeutig privat – und noch eindeutiger exklusiv. Der Titel dieser Arbeit ist nur für Kenner ein Hinweis, für andere bleibt er eine unbekannte Adresse. „Via Napione”.
Dort befindet sich die Casa Carlo Mollino. Ein Apartment, welches der italienische Designer nie bewohnte und welches, außer seinen Fotomodellen, niemals ein Gast zu Gesicht bekam.
Es ereilt mich eher beiläufig, abgelenkt durch den genauen Blick, den nonchalanten Formalismus, der sich in Heidi Speckers Bildern zunächst über das Dargestellte stülpt: Wo sind diese Fotografien eigentlich aufgenommen? Und wo ist der Besitzer des Apartments?
Ich bin zu Besuch in der Casa Carlo Mollino als Betrachter der Bilder, und ich schleiche mich durch die Gänge. Die Frage liegt doch im Dazwischen: Wie viel Zeit bleibt jemandem, um so bedacht zu fotografieren? Heimlich können diese Bilder nicht sein. Und trotzdem mischt sich unter deren bloße Betrachtung das Unbehagen, das einen ereilt, wenn man in das Haus eines reichen Freundes eingeladen wird, den man gerade erst kennengelernt hat. Man traut sich nicht, etwas zu berühren.
Es ist Afterhour in Carlo Mollinos Haus: als Privatmuseum wurde es posthum für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Party fand eben erst statt. Aber der Kater ist trotzdem schon lange vorbei. Die Dinge stehen wieder an ihrem Platz, und dem nächtlichen Revidieren der zwischenmenschlichen Schranken ist wieder die Pietät gefolgt.

In ihrer Publikation „Privacy and Publicity“ (1996) fragt ­Beatriz Colomina nach einer Detektivgeschichte des Interieurs. Und auch wenn die Detektivarbeit hier in einem anderen Zusammenhang steht, die Evidenzen sind ganz klar diese Fotografien. Das Innere folgt in der Casa Mollino einer Kuration des Privaten. Carlo Mollino hat in dem Apartment im Herzen Turins niemals jemanden zu Besuch empfangen, außer der Besucher stellte sich vor die Kamera. Einige seiner Aktaufnahmen, der über 2000 Polaroids, entstanden hier. Es waren zuerst Freundinnen und Kundinnen, ab den 60er-Jahren vor allem Prostituierte, die er in einer seiner Wohnungen in von ihm vorgesehenen Kostümen fotografierte. (So wie die Architektur waren diese Modelle für ihn reine Projektionsflächen, ein Staging seines Interieurs.1
Eigentlich sollte die Darstellung des Privaten keine Aufregung mehr verursachen. Alles wurde bereits fotografiert, ausgestellt, kuratiert, ins Rampenlicht und auf den Bildschirm gebracht. Wohnung, Essen, Körper. Die Grenze der Scham hat sich woandershin verschoben. Trotz dieser neuen Sehgewohnheit entwickelt sich auf Speckers Fotografien ein Rest Intimes, ein Eindringen – ohne voyeuristisch zu sein.
Das Abwesende war eben da und ist schon weg, und kann daher auch nicht mehr gestört werden. Im Museum des Privaten bleibt man dennoch ein Besucher.

1
Vgl. dazu: Beatriz Colomina: „A slight nausea“, in: Carlo Mollino: Maniera Moderna, Ausstellungskatalog, Haus der Kunst, München, Walther König/Köln 2012, S. 256.

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Die Grammatik des Materials, 2017, by Agnieska Roguski for the publication Interior [german] read
Ein Haus ohne Besucher, 2017, von hundert Magazin, exhibition review by Hanna Stiegeler [german] read
Interview with Beate Scheder for Goldrausch Künstlerinnen IT Berlin [german ] read

 

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Fendere

Publication, 2013, 44 Pages, Edition of 30
 
Fendi Mag is a conceptual artist book adapting the format of a magazine. It evolves around and advertising of the fashion brand Fendi, depicting an arcadian scene shot near Naples. The book deconstructs the advert as well as sets it into context by juxtaposing images from the neapolitan area. The word Fendi is a name, but could also function as a conjugation of the italian verb „fendere“, meaning „to disrupt“. Throughout the book, the forms of this verb are examined, taken apart and set into communication with the images.
hanna stiegeler
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drapes

Drapes, 2016, Installation view, Museum Grassi - Video Full HD, 7 min, Sound

The work Drapes examines historical image productions of the exotic in Brazil, such as the painting
A primeira missa (1781) or the performances of the artist Carmen Miranda (1901-1955).

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